Proseminar

Denken ohne Geländer. Hannah Arendt im Selbstversuch

pulk fiktion, Regie: Eva von Schweinitz, Freies Werkstatt Theater

Dass Theater ein guter Ort sei, um zu denken, sagte der französische Choreograf Jérôme Bel einmal in einer Performance: „Theatre is a good place to think“. Warum also nicht auf der Bühne über Politische Theorie nachdenken? Weil Theater nunmal anders funktioniert als ein politologisches Proseminar – wäre ein plausibler Einwand. Die Performancegruppe pulk fiktion versucht es dennoch und widmet sich der Theoretikerin Hannah Arendt, deren intellektuelle Biographie auch gerade in einer beeindruckenden Ausstellung im Deutschen Historischen Museum aufgearbeitet wird.

Ihre geistige Arbeit bezeichnete Arendt einmal als „Denken ohne Geländer“ –  ein unabhängiges Denken und Schreiben, ohne Zuordnung zu einer philosophischen Schule. Die Performerin Hannah Biedermann begibt sich zusammen mit dem Bühnentechniker Peter Behle auf die Spuren von Arendts Werk und untersucht zentrale Begriffe: (politisches) Handeln, Macht, Öffentlichkeit. Das ist einigermaßen anspruchsvoll und nicht frei von Risiko. Politische Theorie ist nun einmal eher im Seminarraum zu Hause als auf der Bühne, hinzukommt: Die Lecture-Performance richtet sich an Jugendliche ab 13 Jahren, so dass eine Reduktion der Komplexität von Arendts Denkbewegungen erforderlich ist. In Teilen gelingt dies der Regisseurin Eva von Schweinitz auch mit Originalität, Witz und Charme – so ersetzt eine Mini-Nebelmaschine den Zigarettenqualm der Kettenraucherin Arendt und Aschenbecher fungieren als Sprechautomaten. Die Inszenierung nutzt das berühmte Fernsehinterview von Günter Gaus aus dem Jahr 1964, das bei Youtube verfügbar ist und bereits mehr als 1 Millionen Mal aufgerufen wurde. In kurzen animierten Videos (und aus den besagten Aschenbechern) erklingt die charakterische, rauchig-dunkle Stimme von Hannah Arendt.

Wie gerne würde man ihr länger zuhören – stattdessen wird das Publikum zur Beteiligung aufgefordert. Gemeinsames Denken ist angesagt und das funktioniert als öffentliches Denken dummerweise nur laut. Ältere Semester halten kleine Co-Referate ohne erkennbare Hannah-Arendt-Expertise, jüngere Leute rufen Fragen in den Raum. In einem Sozialexperiment, in dem ein Ei eine wichtige Rolle spielt, werden Alltagswissen und Handlungsbereitschaft gegen Begriffe von Arendts Theorie in Stellung gebracht. Wer’s mag… Was bleibt, ist das Theater als Impulsgeber für das Denken oder mit Hannah Arendt: „Worauf es mir ankommt, ist der Denkprozeß selber“.

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